Beim Orgelsommer merkt man mal wieder, das Musik irgendwie länger hält als Geld. „Zeitachse“ mit Bach Mozart und Dupré klingt erstmal ziemlich anspruchsvoll, aber grade diese Mischung aus ganz verschiedenen Zeiten find ich spannend, weil man dadurch hört wie sich die Orgel verändert hatt. Bach ist ja gefühlt immer dabei, aber Dupré kennt man als normaler Mensch eher nicht so, jedenfalls ich nicht. Die Stadtkirche ist für sowas bestimmt auch eine gute Kulisse, da kommt der Ton wahrscheinlich überall hin und man sitzt danach erstmal mit Ohrwurm von Orgelmusik zuhause.
Der zweite Teil mit Walter Knoblauch ist dann schon ein krasser Gegensatz. Erst Autos und ein Hotel kaufen und dann steht da „Wegen Reichtum geschlossen“ und am Ende ist man arm und alleine, das klingt fast wie eine erfundene Geschichte aus einem Film, ist aber offenbar wirklich passiert. Ich frage mich schon, ob er einfach keine Beratung hatte oder ob bei so einem Gewinn viele Leute auftauchen die plötzlich auch was brauchen. Ein Lottogewinn macht einen ja nicht automatisch zum Geschäftsmann, nur weil man viel Geld besitzt. Ein Hotel zu kaufen ist vermutlich auch deutlich komplizierter als ein neues Auto, wobei mehrere Autos natürlich auch schon ordentlich Geld verschlucken.
Irgendwie passt der Zusammenhang von beiden Themen trotzdem, auch wenn es erstmal garnicht zusammen gehört. Bei der Orgel geht es um Reichtum über Jahrhunderte, beim Lottokönig um Reichtum über vielleicht ein paar Jahre und dann ist alles weg. Der eine Reichtum ist kulturell und bleibt in den Noten und im Klang erhalten, der andere war auf dem Konto und wurde weniger. Vielleicht hätte Knoblauch lieber Orgelkonzerte veranstalten sollen, dann wäre wenigstens noch was schönes davon übrig geblieben, wobei das warscheinlich auch nicht unbedingt ein gutes Geschäftsmodell ist.
Traurig ist vorallem das einsame Ende in Papenburg. Geld kann scheinbar sehr schnell Menschen anziehen, aber wenn es weg ist bleiben nicht immer die Leute übrig. Das Schild war bestimmt damals lustig gemeint, wirkt im nachhinein aber fast schon bitterböse. Man sollte bei solchen Geschichten nicht nur sagen selber schuld, weil man nicht weis welche Umstände da noch mitgespielt haben. Trotzdem ist es schon eine Warnung, das ein Gewinn kein unendliches Leben lang anhält und man nicht alles sofort in Sachen stecken sollte die teuer sind und noch mehr kosten.
Der Artikel-Mix ist jedenfalls ungewöhnlich, aber genau deswegen bleibt er hängen. Erst Orgel, dann Lottogewinn, dann Papenburg, und plötzlich denkt man über Zeit, Geld und was eigentlich bleibt nach. Und vermutlich läuft irgendwo gerade wieder Bach, während jemand seinen Kontostand überprüft. Beides kann einen ziemlich nachdenklich machen.
Was ich an dem anderen Kommentar noch ergänzen würde ist die Frage, wie unterschiedlich „Reichtum“ eigentlich wahrgenommen wird. Bei dem Orgelkonzert ist damit ja nicht einfach nur gemeint, das da viele teure Sachen rumstehen, sondern eher das über lange Zeit immer neue Musik dazu gekommen ist. Eine Orgel kann also irgendwie mehrere Jahrhunderte gleichzeitig erzählen, auch wenn Bach und Dupré natürlich nicht das gleiche machen. Bei Mozart denke ich bei Orgel ehrlich gesagt nicht sofort an das typische Bild, deshalb wäre es interessant gewesen, ob das Stück extra wegen der Verbindung ausgewählt wurde oder ob es einfach musikalisch gut in die Zeitachse gepasst hatt.
Auch der Name Julian Heinz ist bisher eher nur nebenbei erwähnt worden. Ich finde es schon bemerkenswert, wenn jemand aus Stuttgart in einer Göppinger Stadtkirche so ein Programm zusammenstellt, weil der Ort dann nicht nur Kulisse ist sondern bestimmt selber ein Teil vom Konzert wird. In einer Kirche hört man die Töne ja anders als in einem normalen Saal, manchmal wahrscheinlich auch etwas verschwommener, aber gerade bei Orgel kann das ja gewollt sein. Vielleicht merkt man bei solchen Konzerten erst, das Musik nicht immer sofort verständlich sein muss. Man kann auch einfach da sitzen und sich von den langen Tönen tragen lassen, selbst wenn man nicht jede Epoche auseinander halten kann.
Das Motto „Zeitachse“ finde ich übrigens besser als irgendein ganz allgemeiner Titel wie „Große Orgelwerke“. Eine Achse hat ja einen Anfang und eine Richtung, obwohl Musikgeschichte natürlich nicht so ordentlich geradeaus läuft. Es gibt Rückgriffe, Veränderungen und Komponisten die alte Sachen wieder anders benutzen. Vielleicht ist genau das der interessante Punkt: Reichtum entsteht nicht nur dadurch, das immer mehr neu produziert wird, sondern auch dadurch, dass ältere Sachen nicht einfach verschwinden. Ein Konzert kann aus Noten bestehen die schon sehr alt sind, und trotzdem erlebt das Publikum sie in diesem Moment neu. Das ist ein Reichtum der nicht weniger wird wenn viele Leute zuhören, eher im Gegenteil.
Beim Lottokönig bleibt bei mir vor allem die Aufschrift „Wegen Reichtum geschlossen“ hängen, weil sie gleichzeitig witzig und ziemlich unheimlich klingt. Am Anfang war das vermutlich als selbstbewusster Spruch gedacht, vielleicht sogar als Werbung. Später liest man ihn aber fast wie eine Vorhersage. Ein Satz kann also seine Bedeutung komplett ändern, je nachdem was danach passiert. Das ist bei Schlagzeilen ja oft so, erst wirken sie lustig oder spektakulär und Jahre später kennt man schon das traurige Ende dazu.
Was mir bei solchen Geschichten auch auffällt: Ein Gewinn ist zwar Geld, aber kein Plan für das Leben. Man bekommt plötzlich Möglichkeiten, aber nicht automatisch Wissen darüber, welche davon sinnvoll sind. Ein Hotel ist nicht einfach ein großes Haus, das man kauft und dann kommt das Geld von alleine rein. Da sind Angestellte, Reparaturen, Steuern, Gäste, Werbung und wahrscheinlich noch hundert andere Dinge, an die man als Außenstehender garnicht denkt. Autos kann man wenigstens hinstellen, auch wenn sie natürlich ebenfalls laufende Kosten verursachen. Ein Hotel dagegen frisst vermutlich Geld selbst wenn gerade niemand eincheckt.
Trotzdem finde ich es zu leicht, Walter Knoblauch nur als jemanden darzustellen der halt schlecht mit Geld umgehen konnte. Vielleicht war er überfordert, vielleicht haben andere Menschen seine Lage ausgenutzt, vielleicht hat er sich auch selber überschätzt. Das kann man aus so einer kurzen Zusammenfassung ja garnicht sicher beurteilen. Wenn jemand plötzlich reich wird, verändert sich vermutlich auch das Verhalten der Umgebung. Leute kommen mit Geschäftsideen, Bitten und angeblichen Freundschaften. Da herauszufinden wer ehrlich ist, dürfte schwieriger sein als jede Rechnung zu bezahlen. Geld macht einen nicht unbedingt einsam, aber es kann anscheinend sehr kompliziert werden zu wissen, wem man noch glauben kann.
Der Gegensatz zwischen beiden Artikeln ist deshalb wirklich stärker als nur „Konzert und Lottogeschichte“. Bei der Musik wird Reichtum bewahrt, weil viele Menschen etwas weitergeben und wieder aufführen. Beim Lottogewinn wird Reichtum als Besitz gezeigt, der sich verbrauchen kann. Das eine hängt an Erinnerung und Kultur, das andere an Entscheidungen und laufenden Kosten. Wobei natürlich auch ein Konzert Geld braucht, Musiker müssen bezahlt werden, Kirchen müssen erhalten werden und Instrumente sind bestimmt nicht billig. Ganz ohne materiellen Reichtum würde der kulturelle auch nicht funktionieren, nur bleibt am Ende nicht das Geld selber im Gedächtnis sondern das Erlebnis.
Vielleicht hätte man das Programm sogar mit einer kleinen Erklärung zur Geschichte der Stücke begleiten können, damit man als Laie besser versteht, was sich auf dieser Zeitachse verändert. Ich würde bei Bach vermutlich eher an klare Strukturen denken, bei Mozart an etwas leichteres und bei Dupré an eine modernere, vielleicht virtuosere Klangsprache, aber das ist jetzt sehr laienhaft geraten. Gerade deshalb sind solche Veranstaltungen wichtig, weil man nicht erst Musikprofessor sein muss um hinzugehen. Sonst bleibt klassische Musik schnell ein Bereich für Leute die schon alle Namen kennen und sich gegenseitig zunicken.
Und bei Knoblauch zeigt sich wiederum, das sichtbarer Reichtum nicht unbedingt Sicherheit bedeutet. Mehrere Autos, ein Hotel und ein Spruch am Eingang sehen von außen nach Erfolg aus. Ob dahinter aber Rücklagen, gute Beratung oder ein realistischer Plan stehen, kann niemand an der glänzenden Oberfläche sehen. Das erinnert mich ein bisschen an Leute im Internet die ständig Luxus zeigen und bei denen man trotzdem nicht weiß, ob alles wirklich ihnen gehört oder nur geliehen ist. Reichtum als Bild ist nicht das gleiche wie Reichtum auf Dauer.
Das Ende in Papenburg wirkt gerade deshalb so hart, weil zwischen dem öffentlichen Bild vom Lottokönig und dem einsamen Menschen am Ende ein riesiger Abstand liegt. Erst wird man wegen des Geldes bekannt, später bleibt offenbar kaum noch etwas davon übrig. Vielleicht ist das die traurigste Pointe an dem Schild: Es verkündet Reichtum, aber erinnert am Ende eher daran, wie schnell ein Leben sich drehen kann. Während die Musik aus dem ersten Teil immer wieder neu erklingt, ist sein Besitz verschwunden und mit ihm anscheinend auch viele Kontakte.
Der Artikel-Mix ist also weiterhin etwas ungewöhnlich, aber nicht komplett zufällig. Beide Texte fragen indirekt, was von etwas bleibt. Bei Bach, Mozart und Dupré bleiben Werke und Klänge, bei Walter Knoblauch bleibt eine Geschichte mit einem bitteren Spruch. Das eine wird durch Aufführung lebendig gehalten, das andere durch Erinnerung und Berichte. Vielleicht ist kultureller Reichtum deswegen die stabilere Form, auch wenn man davon kein Hotel kaufen kann. Und wer weis, vielleicht wäre ein Orgelsommer mit einem Stück über Glück, Geld und Verlust sogar mal ein passender Abschluss gewesen.