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NS-Profiteure und die Kontinuität deutscher Vermögen
Der Historiker David de Jong untersucht im Gespräch mit der Freitag, wie deutsche Unternehmerfamilien während der NS-Zeit von Enteignungen, Rüstungsaufträgen und Zwangsarbeit profitierten. Im Mittelpunkt stehen Familien und Unternehmen, die bis heute bestehen und weiterhin erheblichen Einfluss in der globalen Wirtschaft ausüben.
Genannt werden unter anderem die Familien Quandt bei BMW, Porsche-Piëch, von Finck, Oetker, Flick und Kühne von Kühne + Nagel. De Jong konzentrierte sich auf Unternehmerfamilien, bei denen wenige Anteilseigner bis heute maßgebliche Kontrolle ausüben, etwa Stefan Quandt und Susanne Klatten bei BMW.
| Quelle | der Freitag |
| Gesprächspartner | David de Jong |
| Untersuchte Familien und Unternehmen | Quandt, Porsche-Piëch, von Finck, Oetker, Flick und Kühne |
„Der Reichtum der Familie Porsche-Piëch entstand im Nationalsozialismus“
Zusammenfassung: De Jong richtet den Blick auf Unternehmerfamilien, deren wirtschaftliche Macht bis heute fortbesteht und deren Aufstieg nach seiner Darstellung eng mit NS-Verbrechen verbunden war.
Porsche-Piëch: Enteignung von Adolf Rosenberger und Volkswagen-Auftrag
Besonders deutlich zeigt sich der Zusammenhang laut De Jong bei Porsche-Piëch. Das Unternehmen war im Januar 1933, zur Zeit der nationalsozialistischen Machtübernahme, beinahe pleite. Anschließend wurde der jüdische Mitgründer Adolf Rosenberger aus dem Unternehmen gedrängt, während Porsche zeitgleich den Auftrag zur Entwicklung des Volkswagens erhielt.
Rosenberger musste im Juli 1935 seinen zehnprozentigen Anteil zu einem Nominalwert von 3.000 Reichsmark verkaufen. Dieser Nominalwert lag laut dem Interview deutlich unter dem tatsächlichen Marktwert. Aus einem beinahe bankrotten Betrieb war bis 1935 ein rentables und profitables Unternehmen geworden.
Im Volkswagenwerk in Fallersleben, dem heutigen Wolfsburg, wurden während des Krieges laut De Jong nur sehr wenige Volkswagen hergestellt. Stattdessen mussten dort Zehntausende Zwangs- und Sklavenarbeiter Waffen produzieren.
| Zeitpunkt der Machtübernahme | Januar 1933 |
| Anteil Adolf Rosenbergers | zehn Prozent |
| Verkaufszeitpunkt | Juli 1935 |
| Nominalwert | 3.000 Reichsmark |
Zusammenfassung: Der Interviewbeitrag beschreibt den Ausschluss Rosenbergers und den Volkswagen-Auftrag als zentrale Schritte beim Aufbau des späteren Vermögens der Porsche-Piëch-Familie.
„Arisierung“, Raub und Zwangsarbeit
Die wirtschaftliche Beteiligung deutscher Unternehmen an den NS-Verbrechen begann laut De Jong mit der massiven Aufrüstung nach der Machtübernahme. Darauf folgte die sogenannte „Arisierung“, also die Enteignung jüdischer Unternehmerfamilien und Anteilseigner. In den von Deutschland besetzten Gebieten wurden ebenfalls Unternehmen und Vermögenswerte enteignet und geraubt.
Zwischen 1933 und 1937 gerieten jüdische Unternehmer zunehmend unter Druck, ihre Unternehmen zu niedrigen Preisen zu verkaufen. Viele wollten emigrieren, wobei dieser Wunsch laut De Jong unter massivem Zwang entstand. NS-Behörden steuerten die Prozesse; Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Treuhänder verliehen den Enteignungen zugleich einen Anschein von Legalität.
Hinzu kam die Ausbeutung von schätzungsweise zwölf bis zwanzig Millionen Männern, Frauen und Kindern als Zwangs- oder Sklavenarbeiter in deutschen Fabriken und Bergwerken. De Jong hebt hervor, dass die öffentliche Wahrnehmung häufig auf die großen Industriellen fokussiert, während auch Behörden und Berufsgruppen die Enteignungen ermöglichten.
- Enteignung jüdischer Unternehmerfamilien und Anteilseigner
- Übernahme geraubter Unternehmen in besetzten Gebieten
- Ausbeutung von schätzungsweise zwölf bis zwanzig Millionen Zwangs- oder Sklavenarbeitern
- Beteiligung von Behörden, Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Treuhändern
Zusammenfassung: Die beschriebenen NS-Profite beruhten nicht nur auf staatlichen Maßnahmen, sondern auch auf der Mitwirkung wirtschaftlicher und administrativer Berufsgruppen.
Industrielle Unterstützung für die NSDAP
Im Februar 1933 trafen sich Hitler, Göring und führende Industrielle. Offiziell sollte über Hitlers Wirtschaftspolitik gesprochen werden, tatsächlich ging es laut De Jong vor allem um Parteispenden für den bevorstehenden Wahlkampf. Göring erklärte sinngemäß, die Wahl vom 5. März 1933 werde für lange Zeit die letzte Wahl in Deutschland sein.
Viele der anwesenden Industriellen spendeten anschließend insgesamt rund drei Millionen Reichsmark an die NSDAP. Die Partei befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer katastrophalen finanziellen Lage und war mit mehr als zwölf Millionen Reichsmark verschuldet.
| Wahltermin | 5. März 1933 |
| Spenden an die NSDAP | rund drei Millionen Reichsmark |
| Schulden der NSDAP | mehr als zwölf Millionen Reichsmark |
Bei der Einordnung der Motive unterscheidet De Jong zwischen den Familien. Quandt und Flick handelten seiner Einschätzung nach vor allem opportunistisch. Die Familien von Finck, Porsche-Piëch und Oetker seien stärker ideologisch geprägt gewesen, während Kühne vermutlich eine Mischung aus Opportunismus und Ideologie repräsentierte.
Zusammenfassung: Das Gespräch beschreibt die finanzielle Unterstützung der NSDAP durch Großindustrielle als wichtigen Bestandteil der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
KZ-Häftlinge in Fabriken und Außenlagern
Großunternehmen wie BMW und IG Farben, aber auch Unternehmen von Günther Quandt und Friedrich Flick sowie Siemens, Krupp und Daimler-Benz arbeiteten laut De Jong mit der SS zusammen. In der Nähe ihrer Fabriken wurden Außenlager eingerichtet; teilweise bestanden direkte Beziehungen zu bestimmten Konzentrationslagern.
Als Beispiele nennt De Jong IG Farben und Auschwitz sowie BMW und Dachau. Die Unternehmen „liehen“ sich KZ-Häftlinge gewissermaßen von der SS und zahlten dafür einen festgelegten Tagessatz, beispielsweise vier Reichsmark pro Zwangsarbeiter oder Zwangsarbeiterin.
Die Menschen wurden unter furchtbaren Bedingungen ausgebeutet. Viele starben oder wurden ermordet, während die Unternehmen ihre Arbeitskraft für die Produktion nutzten.
| Beispiel für den Tagessatz | vier Reichsmark pro Zwangsarbeiter oder Zwangsarbeiterin |
| Genannte Verbindungen | IG Farben und Auschwitz; BMW und Dachau |
„BMW hat sich KZ-Häftlinge von der SS geliehen“
Zusammenfassung: De Jong schildert die Zwangsarbeit in Unternehmensfabriken als direkte Zusammenarbeit zwischen Großunternehmen und SS.
Nürnberger Nachfolgeprozesse und ausbleibende Enteignungen
Warum die Nürnberger Prozesse nicht umfassend auf Industrie und Unternehmer ausgeweitet wurden, erklärt De Jong mit dem beginnenden Kalten Krieg. Die Amerikaner hätten den Kapitalismus nicht selbst auf die Anklagebank setzen wollen, weil Westdeutschland zu einem Puffer gegen die Sowjetunion werden sollte.
In den Nürnberger Nachfolgeprozessen gab es Verfahren gegen Friedrich Flick und seine Manager, gegen Verantwortliche des Krupp-Konzerns und gegen Vorstandsmitglieder von IG Farben. Diese Verfahren bildeten jedoch nur drei von insgesamt elf Nachfolgeprozessen.
Keines der Unternehmen wurde von den westlichen Alliierten enteignet. Niemand musste laut dem Interview sein Vermögen oder auch nur Teile davon abgeben. Später übergaben die westlichen Alliierten mutmaßlich Hunderttausende Kriegsverbrecher an westdeutsche Behörden.
| Nürnberger Nachfolgeprozesse mit genannten Industrie-Verfahren | drei |
| Nürnberger Nachfolgeprozesse insgesamt | elf |
| Enteignung der Unternehmen durch westliche Alliierte | keine |
Zusammenfassung: Die juristische Aufarbeitung der Unternehmensverbrechen blieb begrenzt, während Eigentum und Vermögen der betroffenen Unternehmen erhalten blieben.
Entnazifizierung als „Mythos“
De Jong bezeichnet die Entnazifizierung in der behaupteten Form als nicht stattgefunden. Macht und Vermögen aus dem „Dritten Reich“ hätten in Westdeutschland fortgewirkt. Männer wie Günther Quandt oder August von Finck seien lediglich als Mitläufer eingestuft worden.
Nach der Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ sowie einem 1999 zwischen der US-Regierung und der Regierung Schröder ausgehandelten Abkommen leisteten deutsche Unternehmen Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter:innen. Eine ausdrückliche moralische oder rechtliche Verantwortung für die Verbrechen in ihren Betrieben übernahmen sie laut De Jong jedoch nicht.
Das Abkommen enthielt eine Klausel, nach der die Zahlungen nicht als Schuldeingeständnis oder Anerkennung einer rechtlichen Verantwortung verstanden werden sollten. De Jong führt die Zahlungen vor allem auf den Druck aus den USA zurück.
In den 1990er-Jahren drohten Überlebende, darunter Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und Shoah-Überlebende in den USA, mit Sammelklagen gegen VW, Allianz, Siemens, BMW und die Deutsche Bank. Einige Klagen wurden tatsächlich eingereicht. Für die Unternehmen standen ihr weltweites Ansehen, ihre Aktienkurse, der Wert ihrer Marken und der Zugang zu globalen Märkten auf dem Spiel.
Zusammenfassung: Entschädigungszahlungen erfolgten laut dem Interview unter erheblichem äußerem Druck, ohne dass die Unternehmen damit ausdrücklich rechtliche oder moralische Verantwortung anerkannten.
Familienstiftungen und öffentliche Erinnerung
Der Historiker sieht eine große Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und öffentlicher Kommunikation. Unternehmen und Familien unterhielten weiterhin Einrichtungen wie die BMW Foundation Herbert Quandt, den Herbert-Quandt-Medien-Preis, die Friedrich-Flick-Förderungsstiftung oder die Ferry-Porsche-Stiftung, ohne transparent über die Verbrechen der namensgebenden Unternehmer zu informieren.
Als Beispiel nennt De Jong Herbert Quandt. Eine ehrliche Darstellung müsse nicht nur seinen Status als bedeutender Wirtschaftsführer hervorheben, sondern auch seine Verstrickung in das NS-System und dessen Verbrechen benennen.
De Jong verweist darauf, dass Herbert Quandt in Polen Ende 1944 ein KZ-Außenlager gegründet und mit aufgebaut habe. Außerdem habe er in Berlin Batteriefabriken betrieben, in denen Tausende weibliche KZ-Häftlinge ausgebeutet worden seien. In Frankreich habe er von Juden geraubte Betriebe gekauft und auf seinem eigenen Gut in Schlesien Kriegsgefangene ausgebeutet.
Nach Ansicht des Historikers gehören wirtschaftlicher Erfolg und Verbrechen gemeinsam zur historischen Wahrheit. Man könne nicht den einen Aspekt würdigen und den anderen ausblenden.
- Wissenschaftliche Studien und öffentliche Kommunikation klaffen laut De Jong auseinander.
- Mehrere Unternehmen und Familien unterhalten Stiftungen und Preise mit den Namen früherer Unternehmer.
- Die historische Verstrickung dieser Personen werde dabei nicht transparent genug dargestellt.
- Eine vollständige Aufarbeitung müsse Erfolg und Verbrechen gleichermaßen benennen.
Zusammenfassung: der Freitag dokumentiert De Jongs Forderung nach einer öffentlichen Erinnerungskultur, die wirtschaftliche Leistungen nicht von den NS-Verbrechen ihrer Urheber trennt.
Zur Person David de Jong
David de Jong ist Autor und Historiker. Er studierte Politikwissenschaft an der Universität Amsterdam sowie Geschichte an der Columbia University in New York und an der London School of Economics.
Als Journalist arbeitete er für Bloomberg News. Er berichtete aus Amsterdam über das europäische Bank- und Finanzwesen, aus New York über verborgene Vermögen und milliardenschweren Reichtum in den USA und Europa sowie aus Tel Aviv als Nahostkorrespondent für niederländische Medien.
Derzeit lebt De Jong mit seiner Familie im US-Bundesstaat Michigan, wo er für sein neues Buch recherchiert.
Infobox: Quelle des Pressespiegels ist der Freitag. Gegenstand des Gesprächs ist die Rolle deutscher Unternehmerfamilien bei Enteignungen, Zwangsarbeit und der wirtschaftlichen Nutzung von NS-Verbrechen sowie der Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945.
Quellen:













